Zwei Kamele und eine Cola

„Hey, findest du mich geil?“, schreit er einem Mann zu, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite mit seinem Kumpel läuft.

„Nee, nicht so. Aber die würde ich nehmen.“ Der Mann zeigt mit dem Finger auf mich und lacht.

Meine Begleitung fängt auch an zu lachen. „Ja, klar. Drei Kamele?“ Die Verhandlung beginnt.

„Mmhh, eher zwei!“, ruft der junge Mann.

„Na gut, zwei Kamele und eine Cola!“ Der Deal steht.

Ich kann so schnell gar nicht begreifen, was gerade geschieht. Überfordert mit der Situation und peinlich berührt bekomme ich gerade noch so ein „Ich gehöre niemandem und mich bekommt keiner von euch“ heraus. Nicht sehr schlagfertig. Den Männern, die sich mit ihren grandiosen Witzen den Ball zuwerfen, ist es egal, was ich zu sagen habe. Das Date ist dann auch beendet: Ich treffe mich mit einem Freund zum Essen, er muss nach Hause.

Wir kennen uns schon seit zehn Jahren, haben uns im Studium in Hamburg kennengelernt. Damals fand ich ihn toll. Am meisten mochte ich seinen Humor (damals!). Wann immer wir uns zufällig auf dem Campus über den Weg liefen, lachten wir viel und schaukelten uns gegenseitig mit unserer extrovertierten Art hoch. Aber zu einem Date kam es damals nie. Wir waren einfach nur zwei Menschen, die sich kannten und irgendwie mochten. Außerdem dachte ich, dass er einfach nur extrovertiert sei und machte keinen Move und vielleicht dachte er das Gleiche.

Vor ein paar Wochen plötzlich trafen wir uns zufällig in der Schanze in Hamburg. Am nächsten Tag sitzen wir uns gegenüber in einem meiner Lieblingscafés. Er beugt sich über den Tisch, schaut mir tief in die Augen, greift mit seiner Hand sanft unter meine Haare und küsst mich auf die Wange. Die sexuelle Spannung haben wahrscheinlich sogar die Gäste ganz hinten am letzten Tisch bemerkt. Leidenschaftliche Sex-Szenen blitzen sequenzartig in meinem Kopf auf: Er und ich fest umschlungen in meinem Bett, no kinky stuff, nur versunken in purer Leidenschaft.

Doch ich merke schnell, dass es niemals zum Ausleben dieser Fantasien kommen wird und dass es eine körperliche Anziehung ist, die ich spüre, für die ich mich später schämen werde. Und dann werde ich wütend sein, weil ich mich als Frau dafür schäme, mich sexuell zu ihm hingezogen gefühlt zu haben, weil er respektlos und toxisch ist. Er ist laut und peinlich, macht dumme Witze und hält mir immer mal wieder vor, dass ich doch mal ruhig sein solle und nicht immer das letzte Wort haben müsse. Dann sagt er plötzlich wieder etwas, dass ihn reflektiert und anständig wirken lässt. Es ist ein ständiges Auf und Ab.

In meinem Kopf ploppen viele kleine Red Flags auf und ich merke, dass es besser ist, das Café zu verlassen, damit ich dort ohne Peinlichkeit irgendwann mal wieder einen Kaffee trinken kann. Wir bestellen die Rechnung. „Willst du mit Karte oder Bar bezahlen?“, fragt er mich vor der Kellnerin. Ich antworte: „Mit Karte.“ Und ohne zu begreifen, was gerade passiert, lässt er mich, ohne zu fragen, ob ich für ihn mitbezahlen könne, die ganze Rechnung bezahlen.

Seine Begründung: Da ich Feministin sei, wolle er mich nicht in eine stereotypische Frau-Mann-Situation bringen und daher mich bezahlen lassen. What? Ich sage ihm, dass ich diese Voraussetzung als respektlos empfinde. Diese Kritik lässt er an sich vorbeiziehen und gibt mir das Gefühl, als sei ich geizig und kleinkariert. Da er auf dem Weg vielleicht auch noch etwas trinken wolle, fragt er mich, ob ich auch genug Bargeld dabeihätte. Innerlich hoffe ich, dass es ein Scherz war, glaube aber, dass der Typ nichts mehr merkt.

Das hätte spätestens der Moment sein sollen, in dem ich mich verabschiede. Die Bezahlaktion mindert mein sexuelles Verlangen, aber leider noch nicht genug: sexuelles Verlangen vs. Vernunft. Meine beiden Ichs verhandeln, ob ich nicht doch wenigstens einmal mit ihm schlafen könne.

Er erklärt sich bereit, mich noch zu meiner Verabredung zu begleiten. Ich bin immer noch in meiner inneren Verhandlung. „Wenigstens küssen könnten wir uns“, denke ich. Gleichzeitig bin ich hoffnungsvoll, dass das Verlangen durch einen Kuss stillgelegt wird, dass ich nicht weiter darüber nachdenken muss, dass er und ich endlich, nach so vielen Jahren, wenigstens einmal knutschen könnten und dann bähm, jede sexuelle Tension weg.

Endlich passiert es. Der Kuss ist, wie zu erwarten war, ziemlich heiß. Egal, wie crazy er ist, küssen kann er. Entgegen meiner Hoffnung macht es der Kuss nur noch schlimmer. Wir fangen an, über Sex zu sprechen. Ich erfahre, dass Sex für ihn nicht nur Penetration ist. „Hot“, denke ich. Durch seine Einstellung, dass Sex auch ohne Penetration stattfinden kann, steigt mein Verlangen wieder an. Wir küssen uns noch mal. Plötzlich führt er meine Hand zu seinem Penis. Ich bin überrascht, schiebe ihn weg und frage ihn, was das soll. Er tut es als Spaß ab, dachte er könne so einen Spaß mit mir machen, höre jetzt aber auf damit (Spoiler: Hat er nicht getan!).

Das sexuelle Verlangen ist weg, die Verhandlungen in meinem Kopf verstummen, ich bin nur noch enttäuscht und traurig darüber, was aus ihm geworden ist. Endlich sind wir kurz vor dem Restaurant. Er verscherbelt mich noch schnell für die zwei Kamele und eine Cola: What a date.

„Wie zieht man solche Menschen an?“, fragt mich meine Freundin.

„Weiß ich nicht. Vielleicht ist es ein Relikt aus meiner Vergangenheit, als ich mich solchen Menschen noch hingegeben habe.“

Ich bin froh und auch ein bisschen stolz, dass ich meinem sexuellen Verlangen nicht nachgegeben und ihn gleich wieder aus meinem Leben verbannt habe, bevor es zu spät gewesen wäre. Meine sexuelle Anspannung bleibt noch einige Tage in mir und verschwindet nach und nach aus meinem Körper. Mir fällt ein Zitat ein, das ich mal gelesen habe: “Before going back to that fuckboy because you’re horny, just masturbate and you’ll see that you don’t need him.”

In diesem Sinne …

Zuerst erschienen auf DIEVERPEILTE.de

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