„Alles nur Spaß“ — Sexismus am Arbeitsplatz

TRIGGERWARNUNG: Dieser Text enthält Schilderungen von sexueller Belästigung.

2013: Ich mache Praktikum in einer Unternehmensberatung. Der Chef telefoniert mit seiner Freundin. Sie hat eine Frage zum W-LAN. Er legt auf und sagt: „Anna, hör mal ganz kurz weg.“ Rollt mit den Augen und fügt hinzu: „Frauen und Technik!“ Alles nur Spaß!

2014: Ich arbeite bei einer kleinen Broker-Firma auf 450-Euro-Basis. Mein Chef druckt ein paar Sachen aus. Der Drucker steht hinter mir, ich stehe am Tisch und sortiere Unterlagen. Als er an mir vorbeigeht, streift er meinen Hintern und ruft lachend: „Oh, Entschuldigung!“ Dann schaut er mich an, tippt mit dem Finger auf eine Zahl auf dem ausgedruckten Blattpapier und lacht weiter. Es ist die Zahl 69. Alles nur Spaß!

Illusttration: Teresa Vollmuth

Lange nichts. Arbeite als studentische Hilfskraft und scanne Bücher für Professor:innen. Kein Sexismus hier – außer vielleicht in den Schriften, die ich scanne.

2020: Mein erster 40-Stunden-Job. Zweiter Arbeitstag. Ich frage, ob ich irgendetwas beim Meeting mit einem Kunden am nächsten Tag beachten müsse. „Ja kannst Kaffee kochen!“, lacht mein Kollege. Alles nur Spaß!

2021: Ich gehe mit drei Kollegen essen. Eine Freundin ist auch dabei. Sie muss auf die Toilette. Mir fällt ein, dass ich auch muss. Mein Kollege: „Warum gehen Frauen zusammen aufs Klo? Damit eine die Haare hält und die andere die Klobürste!“ (Frage nebenbei: Geht es in dem Witz nur ums Kotzen oder auch Kacken? Weiß es gerade nicht.) Der Abend verläuft weiterhin spaßig. Tipp meines Kollegen an die anderen beiden Männer am Tisch: „Man muss Frauen immer dreimal fragen, wenn man mit ihnen Sex haben will. Beim dritten Mal sagen sie immer ja!“ Für mich hört sich das an wie Rape-Culture. Aber alles nur Spaß.

Aber es geht nicht nur mir so – zum Glück, ich dachte schon. Auch meine Freundinnen können Erfahrungen von internalisiertem „Alles nur Spaß“-Sexismus teilen.

2019: Meine Freundin arbeitet in der Gastronomie. An einem Tag trägt sie einen kürzeren Rock. Der Koch ruft: „Ihr anderen Mädels könnt euch mal ein Beispiel an ihr nehmen, damit wir mehr Trinkgeld bekommen.“ Alles nur Spaß!

2021: An einer Schule irgendwo in Deutschland: Meine andere Freundin ist Lehrerin. Sie und ein paar Kolleginnen treffen sich nach der Schule. Ihre Kollegin: „Habt ihr die Schülerin aus der neunten Klasse heute gesehen? Die zieht sich an wie eine „Nutte“.“ Alles nur Spaß? Leider nicht.

In unseren Gesprächen berichtet sie mir auch immer wieder von Diskussionen über die Kleidung der Schülerinnen, die sich nach Meinung der anderen Kolleginnen zu „aufreizend“ anzögen. Begründung gegen „aufreizende“ Kleidung sei, dass dies die männlichen Lehrkräfte ablenke und darauf Rücksicht genommen werden müsse. Aha. Interessant. Ein guter Bekannter von mir sagte zu dieser Begründung, dass „die „geilen Böcke“ ihre Hormone unter Kontrolle kriegen sollen“. Ich habe dem nichts mehr hinzuzufügen.

Neben sexistischen Äußerungen über junge Schülerinnen und deren Sexualisierung werden meiner Freundin zudem mit „flüchtigen“ Kommentaren Kompetenzen als Pädagogin abgesprochen, weil sie jung und blond ist. Es fallen Sätze wie: „Natürlich mögen dich die Schüler:innen, du bist auch jung und blond.“ Wow! Voll gut für meine Freundin, oder? Ist doch ein Kompliment, soll sich mal nicht so anstellen.

Ich finde es interessant, dass die hier aufgezählten Dinge anscheinend als unproblematisch, ja sogar „normal“ in unserer Gesellschaft gelten und dieser Alltagssexismus schamlos reproduziert wird.

Dass Lehrkräfte mit solch einer Einstellung mein Kind unterrichten könnten. Wie einfach und unreflektiert einer Lehrerin die Bezeichnung „Nutte“ für eine junge Schülerin über die Lippen geht. Dass sich die Lehrerinnen so ins Zeug legen, damit die „schwanzgesteuerten“ Lehrer vor den jungen „verführerischen“ Mädchen geschützt werden. (Tipp von mir: Am besten vorschreiben, nur noch hässliche, braune Kartoffelsäcke zu tragen.)

Mein Herz wird ganz warm von dieser Empathie der Lehrerinnen mit ihren männlichen Kollegen und diesem Sisterhood. Wie sie sich zusammentun und den „unwissenden, kleinen“ Mädchen mal sagen, wie sie sich anzuziehen haben und dass sie verantwortlich dafür sind, dass Lehrer und Schüler „romantische Gefühle“ bei ihrem Anblick bekommen, gegen die sie GAR NICHTS machen können, weil sie ja „nur“ Männer sind. Anscheinend sind in meinem Freundeskreis dann echt komische Männer, die glauben, eine Eigenverantwortung zu tragen und keine Minderjährigen (oder Abiturientinnen) sexualisieren. OMG! What kind of weird guys!

Es ist wunderschön, wie mein Chef mir unterstellte, keine Ahnung von Technik zu haben, weil ich eine Frau bin. Aber wenigstens sollte ich noch schnell weghören, damit ich mich nicht beleidigt fühle. Irgendwie auch nett. Danke Chef.

Auch voll das nette Kompliment, dass mein anderer Chef meinen Hintern streifte und mit mir Oral-Verkehr haben wollte. Ich werde immer noch ganz rot bei dem Gedanken. Danke Chef!

Schön auch, dass meinem Kollegen mein Kaffee schmeckt oder ich jetzt weiß, dass mein anderer Kollege so gute (Rape-)Strategien hat, um Frauen ins Bett zu bekommen und weiß, dass wir Frauen uns gemeinsam auf der Toilette eigentlich nur beim Kotzen (und Kacken) helfen. So sind wir halt: Sisters! Klasse, wie der Koch den Effort meiner Freundin anerkannte Trinkgeld einzuheimsen. Welche Frau auf der Welt trägt schon einen Rock, weil er ihr gefällt? Bitte!

Ich möchte also hier noch einmal Danke sagen: Danke Chefs, danke an meine Kollegen, danke Koch, danke Lehrerinnen und Lehrer für eure Komplimente, eure Weisheit, eure Hilfe. Danke für die wunderschöne Arbeitsatmosphäre und für so viele tolle Menschen, die wichtige Vorbilder im Leben Heranwachsender sind und ihnen so viele wertvolle Dinge mit an die Hand geben. Danke. Ihr habt mir gezeigt, dass ich als Frau die Verantwortung trage, ob Männer bei meinem Anblick sexuelle Erregung verspüren (egal, wie alt ich bin) oder nicht. Und ein ganz besonders großes Danke auch noch mal an meinen Kollegen, der mir gezeigt hat, dass mein Nein keinen Wert hat.

Illustrationen: Teresa Vollmuth

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