Kein Scheiß! 14 Tage nicht fluchen, wie ist das so? #noshitchallenge

Warum nicht fluchen? Wie kommt man auf so eine Scheiße? Die #noshitchallenge fing an wie fast jede Challenge beginnt: Mir war langweilig. Vor ein paar Wochen habe ich angefangen das Buch „How to be a Bawse: A guide how to conquering life“ von Lilly Singh zu lesen. Lilly Singh ist eine bekannte kanadische YouTuberin, deren Eltern aus dem indischen Punjab stammen. Vor allem wurde sie mit ihren kurzen Komedievideos auf ihrem YouTube – Kanal „Superwoman II“ berühmt. In den Videos präsentiert sie sich, zum Beispiel als ihre Eltern verkleidet und zeigt eine klischeehafte Darbietung ihres eigenen Lebens und dem Aufwachsen zwischen zwei Kulturen. Mittlerweile spielen auch bekannte Schauspieler*Innen, wie Dwanye „The Rock“ Johnson (Lilly’s persönliches Idol), in einigen ihrer Videos mit. Außerdem hat sie als erste „brown woman“ in den USA eine eigene Late Night Show: „A Little Late With Lilly Singh“. Privat outete sich Lilly als bisexuell und setzt sich für Frauen- und LGBTQIA-Rechte ein. Mit ihrem oben genannten Buch beschreibt sie ihre Strategien, um in Karriere und Privatleben erfolgreich zu sein, denn das ist was eine Bawse* ausmacht. Dort erklärt sie auch, dass sie selbst nicht fluche, was dazu führe, dass sie weniger frustriert und neidisch auf andere sei und es sie davon abhielte über andere zu lästern, da sie sich dadurch weniger in einen Strudel von Negativität begebe und ausgeglichener sei.

„Cooles Ziel.“, denke ich mir und mache es mir daraufhin also zur Aufgabe 14 Tage lang nicht zu fluchen, um herauszufinden wie ich mich fühlen werde und ob Lilly Recht hat. Denn schon Buddha wusste: Nicht fluchen ist heilsam. Klar, der Buddhismus ist sowieso die friedlichste „Religion“ auf der Welt, wahrscheinlich weil es gar keine Religion in diesem Sinne ist, sondern eine Lebensweise. Im Nachhinein ist mir klar, dass ich wahrscheinlich zum Nicht-Fluchen auch hätte meditieren sollen: Naja, next time.

Um kurz klarzustellen um welche Ausdrücke es sich handelt, wenn ich fluche, hier eine kleine Auflistung: Als erstes natürlich das beliebteste Schimpfwort der Deutschen: scheiße sowie, bei erheblicher Wut, dumme Scheiße. Eng gefolgt von fuck, hin zu der Ergänzung fucking hell und einem Kompositum meiner Fluchpräferenzen, fucking shit. Aber nun zum eigentlichen Thema: Wie war die Zeit so?

Verlauf der Challenge

Die ersten Tage meiner selbsternannten #noshitchallenge sind schwierig, so konditioniert ist das Fluchen bei mir schon. Viel mehr als weniger geht mir das Wort scheiße über die Lippen. Im gleichen Moment realisiert, was ich da sage, geht mir sofort ein zweites Scheiße über die Lippen, um meiner Enttäuschung über meine schwache Willenskraft Ausdruck zu verleihen. Am dritten Tag meiner Challenge treffe ich mich mit einem Freund. Wir spazieren an der Alster lang und als er mich fragt wie es mir so ging in den letzten Jahren und ich gerade dabei bin zu antworten, knicke ich um, falle fast hin, kann mich gerade noch fangen und rufe: „Scheiße!“, worauf ich ein „Scheiße, ich wollte doch nicht mehr fluchen.“, hinterher jage. Mein Kumpel, der natürlich darüber lachen muss sagt:“Du wärst eben fast hingefallen und hättest dich ganz schön verletzen können, ich finde, da kannst du ruhig mal scheiße sagen.“ Wir lachen beide und ich gebe ihm Recht. In den nächsten 11 Tagen tauchen immer mehr Situationen auf, in denen ich meine Challenge realisiere und dadurch nicht fluche, sondern meinen Unmut anders suggeriere, dennoch gibt es weiterhin „leider“ genug Momente, in denen ich trotzdem fluche. Darüberhinaus klingen natürlich oft Lilly’s Textzeilen in meinem Hinterkopf nach, dass das Nicht-Fluchen sie entspannter mache, weniger neiderfüllt und sie auch weniger zum Lästern verführe. „Warum ist das so oder könnte das so sein?“, frage ich mich. Die Antwort wird mir schnell klar: Manchmal, wenn ich fluche, steigere ich mich in meinen Ärger richtig hinein. Es beginnt eine Spirale von Negativität, die mit jedem Fluchen weiter befeuert wird. Anstatt dem Ärger durch das Fluchen Raum zu geben, sodass er sich beruhigt, ist eher das Gegenteil der Fall. Diese negativen Gefühle, die ich selbst in mir trage, projiziere ich dann auf andere, was sich in Form von Wut und Neid auf diese Menschen äußert. Dieser ganze Prozess erscheint mir sehr einleuchtend. Während der Challenge wird mir klar, dass nicht das Nicht-Fluchen für mich im Vordergrund steht, sondern vor allem das Abbauen meiner negativen Gefühle. Wenn diese dann abgebaut werden können, indem ich nicht mehr fluchte, dann würde ich es liebendgerne tun. Was mir aber auch klar wird, je näher das Ende rückt, ist dass bewusstes Fluchen vielleicht weniger schlimm ist, als unbewusstes Fluchen; wichtig dabei ist nur, sich nicht von der Spirale der Negativität erfassen zu lassen — Könnte es so einfach sein?

Die Antwort ist leider nein. Ich habe im Laufe der Zeit gemerkt, dass jegliche Art des Fluchens, ob nun bewusst oder unbewusst, das negative Gefühl (bei mir auf jeden Fall) nur befeuert. Die einzige Möglichkeit sich nicht in die Spirale der Negativität zu begeben, ist mit dem Fluchen aufzuhören oder es erst gar nicht zu beginnen — leider ein sehr ernüchterndes und irgendiwe semi-befriedigendes Ergebnis. Denn: So richtig fluchen macht ja nunmal ab und zu richtig Spaß. Ich denke, es ist hier so wie bei vielen anderen Dingen im Leben: Wir müssen uns entscheiden und uns fragen, wie und ob wir mit manchen Dingen umgehen wollen. So wie jede Veränderung ist auch diese nicht einfach, aber ich nehme es Barney Stinson like und sage: „Challenge accepted!“

* Bawse: „a person who exudes confidence, hustles resentlessly, reaches goals, gets hurt efficiently, and smiles genuinely because he or she has fought through it all and made it out the other side.“

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