Fettphobie in häuslicher Quarantäne

Auf Instagram häufen sich Memes darüber wie „fett“ Menschen nach der häuslichen Quarantäne sein werden – ja, genau das ist natürlich das Problem, in der momentanen Situation. Aber zugegeben, auch ich hatte Angst davor während der Quarantäne zuzunehmen. „Wie sehr hat sich diese Fettphobie nur in unseren Köpfen verankert?“, fragte ich mich dabei. Das warf mich gedanklich in eine Situation zurück, die sich mit zwei Menschen, die ich aus der Uni kenne, zugetragen hat. Die Komilitonin von mir — offensichtlich immens fettphobisch, wie ich schnell bemerkte –, arbeitete als Kellnerin und regte sich einmal lauthals darüber auf, dass ihr ständig alle Menschen im Wege stünden, wenn sie die Teller von den Tischen abräumte und sie beendete ihren Monolog mit: „Und ganz ehrlich — ohne das böse zu meinen — dann steht da so eine „Fette“ im Weg und ich frage mich, ob sie nicht merkt wie fett sie ist und ich deshalb nicht richtig an ihr vorbeikomme.“ Mein Komilitone dazu: „Ja, ich bin auch nicht der Dünnste, muss ich zugeben, aber wirklich da muss man schon mal Platz machen.“ Was keiner wirklich bemerkte war, dass er sich in diesem Moment dafür schämte dick zu sein und sich mit seiner Aussage dem Mainstream der Fettphobiker anpasste und eigentlich ausdrückte, dass er als Dicker ja wenigstens bemerke, dass er mehr Platz wegnehme und deshalb auch Platz mache. Leider war ich die Einzige, die über ihren Kommentar entrüstet war und ihr klar machte, dass ihre Aussage unsensibel, fettphobisch und diskriminierend war. Leider sind diese Situationen an der Tagesordnung und leider war das auch nicht der letzte fettphobische und diskriminierende Kommentar meiner Komilitonin – ohne, dass sie das böse meinte natürlich, weil „Fettsein“ natürlich auch einfach scheiße ist, das weiß ja jeder.

Menschen haben Angst fett zu sein und das gilt schon lange nicht mehr nur für Frauen. Mein Ex-Freund regte sich einmal total darüber auf, als ich sagte, dass er Ähnlichkeit mit Seth Rogan hätte, weil „der ja fett sei“. Dann fing er an darüber zu sprechen wie eklig sein „Schwabbel“ sei und natürlich auch der „Schwabbel“ anderer (natürlich war auch mein „Schwabbel“ eklig, was er mir unsensibel klar machte, als er mich im Badeanzug sah und „Ihh Schwabbel“ sagte). Ein Jahr nach unserer Trennung — warum haben wir uns bloß getrennt — traf ich ihn und er hatte keinen „Schwabbel“ mehr. Schön für ihn. Ich hingegen habe „immer noch“ überall „Schwabbel“ — auch schön für mich.

Trotz meiner offensichtlichen Entrüstung über die ganzen fettpobischen Menschen in meiner Umgebung, dachte ich zu Beginn der häuslichen Quarantäne daran, dass ich nicht zunehmen wolle. Warum ist das so? Habe ich eine Doppelmoral à la: „Fett sein? Stört mich nicht, solange es die anderen sind?“ Zum Glück haben wir ja momentan genug Zeit, um in uns zu gehen und uns über so etwas Gedanken zu machen. Wie so oft beginnt natürlich alles in der Kindheit: Ja, ich bin auch in einer fettphobischen Umgebung aufgewachsen. Ja, am meisten Komplimente habe ich bekommen wenn ich „schön“ abgenommen hatte. Ja, mir wurden solche Sachen gesagt wie: „Mensch, du siehst jetzt richtig schön aus, seit du abgenommen hast.“, — als ob ich vorher die hässlichste Frau der Welt war. Und ja, genau solche Kommentare führen dazu, dass Menschen eine Fettphobie entwickeln und anfangen sich selbst zu hassen, wenn sie überall „Schwabbel“ haben — ja, wenn sie quasi „Schwabbel“ sind. Es braucht starke Nerven und ein unübertreffliches Selbstbewusstsein, um allen den Finger zeigen zu können und sich mit all seinem „Schwabbel“ zu präsentieren und fettphobischen Kellnerinnen selbstsicher im Weg zu stehen; obwohl es natürlich allgemein sehr schön ist anderen Platz zu machen, unabhängig davon ob man dick oder dünn ist. Habe ich dieses Selbstbewusstsein vielleicht nicht? Musste ich vielleicht erst mal abnehmen, um hier große Töne spucken zu können? Bin ich selber eine Fettphobikerin, die gelernt hat dicke Menschen nicht zu diskriminieren? Vielleicht. Vielleicht habe ich auch Angst davor nicht „mehr“ schön zu sein oder ich habe Angst davor, immer wieder gegen die Fettphobie anderer anzukämpfen und diese herablassenden Sprüche auszuhalten. Vielleicht hatte ich das schon in der Vergangenheit zur Genüge und anstatt mich stärker zu machen, hat es mich depressiv gemacht. Vielleicht ist es nicht nur der „Schwabbel“, sondern alles was damit zusammenhängt: das Anderssein, nicht in den Mainstream zu passen, gegen den Strom zu schwimmen – vielleicht kann ich das nicht oder will ich es nicht können? Vielleicht bin ich aber für viele immer noch dick und für viele nicht und für mich auch nicht und vielleicht gefalle ich mir jetzt so gut, dass ich allen den Finger zeigen und sagen kann: „Scheiß drauf, ich bin nicht dünn und auch nicht dick und finde mich so super wie ich bin.“ Und vielleicht habe ich genau deshalb Angst davor nicht mehr genau so zu sein. Was es auch ist, am Ende ist es nur eins: Ich.

Zeigt sich Selbstbewusstsein nur darin, sich immer super zu finden oder keine Angst mehr zu haben? Zeigt es sich nicht eher darin, sich selbst bewusst zu sein, dass einen auch Ängste begleiten im Leben, dass wir eine Vergangenheit haben, die uns positiv wie auch negativ geprägt hat und dass wir genau das wahrnehmen und reflektieren können?In diesem Sinne: Haltet durch und wir sind schön!

2 Kommentare

  1. Cordula sagt:

    Hey,
    ein sehr interessanter Beitrag.
    Ich persönlich denke jedoch teilweise schon, dass der Begriff Bodypositivity heutzutage oftmals falsch verstanden und auch ausgelegt wird. Und auch in teils bedenkliche Richtungen läuft.
    In der Tat in diese, dass bodypositiv zu sein bedeutet, nicht abnehmen zu wollen, oder gesünder zu leben. Selbst aus gesundheitlichen Gründen nicht. Sondern, dass besonders innerhalb der Fatacceptance und HAES Bewegung Angehörigen dieser Bewegung ein schlechtes Gewissen eingeredet wird, wenn sie aus gesundheitlichen Gründen abnehmen müssen/wollen. Oder dass sie glauben in dieser Gruppierung Gleichgesinnte und Akzeptanz gefunden haben, dann aber rücksichtlos ausgestoßen werden, wenn sie beispielsweise aus gesundheitlichen Gründen abnehmen möchten.
    Dass Vorher-Nachher-Bilder von Abnehmerfolgen sogar als triggernd und toxisch bezeichnet werden. Bekanntes Beispiel dafür wäre u.a. Tess Holliday.
    Auf diese Weise glauben so manche junge Frauen dann tatsächlich, dass Selbstliebe bedeute eben übergewichtig zu bleiben, so viel Junkfood zu essen wie man möchte und den gesundheitlichen Aspekt hinter Übergewicht automatisch nur noch als fettphobisch zu bezeichnen. Bis sie irgendwann selbst von gesundheitlichen Einbußen betroffen sind, und dann merken, dass die Leute der Fatacceptance Bewegung sie mit einem Fingerschnipsen aus ihren Reihen entsorgen, wenn sie dicksein nicht mehr als toll und fantastisch promoten. Denn laut HAES ist das Eingeständnis gesundheitliche Probleme zu haben scheinbar eine Art No Go.
    Sogar Tess Holliday promotet, dass sie mit 140 kg auf ihre 165 cm fit und stark wäre. Zumindest laut einem Artikel in der Cosmopolitan. Eine aus meiner Sicht nicht minder gefährliche Message wie das Gegenteil zu promoten, dass man mit massivem Untergewicht strong und fit wäre.
    Heutzutage geht Bodypositivity zunehmend vom Magerextrem ins andere.
    50 Prozent der Frauen und 60 Prozent der Männer sind heutzutage übergewichtig. Davon 1/3 Adipositas 2 bis 3 und mehr.
    Ein Freund von mir wiegt mit gerade mal 39 Jahren über 200 Kilo. EIne Freundin von mir wog mit 27 auch über 200 kg und hatte in diesem Alter bereits aufgrunddessen einen Herzinfarkt.
    Bin ich nun fettphobisch weil ich sage, dass sich einzureden Übergewicht habe keine gesundheitlichen Folgen illusorisch ist? Oder ist es nicht vielmehr eigene Verblendung an sowas wie HAES zu glauben?
    Eben weil man schon zig Diäten hinter sich hat und nie aus der Spirale von Abnahme und Jojo heraus findet?
    Weil man dann von Körperakzeptanz spricht, weil man selbst nicht mehr an sich glaubt und irgendwann tatsächlich einfach aufgegeben hat?
    Zum Argument der schlanken Freundin… Die äußere Hülle zeigt nicht immer den gesundheitlichen Status. Das stimmt.
    Andererseits müsste man dann auch wieder wissen wie es genau zu dem Bandscheibenvorfall kam? Muss sie in ihrem Job schwer heben und war einer Fehlbelastung ausgesetzt? Usw.
    Ich denke in der Diskussion müsste man sich dann auch den jeweiligen Einzelfall ansehen.
    Allgemein jedoch ist Übergewicht, vor allem starkes bis sehr starkes Übergewicht, Richtung Adipositas 2 und 3 und mehr ein Prädiktor für gängige Zivilisationskrankheiten. Und ja, es verkürzt statistisch betrachtet auch das Leben um etwa 7 Jahre.

    Ganz allgemein geht Bodyshaming ja in alle möglichen Richtungen. Nicht nur in Richtung Fettshaming. Doch das ist heutzutage das was am meisten thematisiert wird.
    Manchmal sagt man zu mir ich sei zu dünn und „ein paar Kilo mehr“ würden mir nicht schaden.
    Da denke ich mir auch immer: Danke aber auch. Denn, ich weiß was es heißt stark untergewichtig zu sein. Durch eine Vorgeschichte mit Magersucht. Da wird einem dann selbst mit Normalgewicht eingeredet zu dünn zu sein.
    Oder anderes Beispiel: Ich betreibe etwa 4 bis 5 Mal die Woche Kraftsport.
    Gerne sagt man mir, dass man Muskeln an Frauen unästhetisch fände. Allen voran Aussagen von Frauen. Gleich wird manchmal sogar die ganze Sportart als sinnlos bezeichnet. Oder aber als unweiblich herabgewürdigt inklusive der Optik.

    Ich persönlich distanziere mich eher von diesem Begriff. Weil mir in gewissen Aspekten nicht gefällt, was daraus in so manchen Extremen entstanden ist. Dass manche sogar sagen der Begriff dürfe von schlanken Menschen nicht gebraucht werden, sondern gelte nur solchen mit Übergewicht. Statt Inklusion – Ausschluss. Also keinen Deut besser als das was man doch angeblich zu ändern versucht.
    Und für manche ist es tatsächlich zu einer Art Ausrede geworden sich gehen zu lassen.
    Leider. Und genau darin sehe ich ein nicht minder schweres Problem. Gerade wenn es um die Gesundheitsfrage geht.

    LG

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Cordula, vielen Dank für deinen ausführlichen Post und die intensive Beschäftigung mit diesem Thema. Vielleicht hast du auch Lust dir meinen Artikel „Body Positivity – falsche Annahmen über die Bewegung für mehr Körperakzeptanz und Selbstliebe“ mal durchzulesen. Dort erwähne ich auch ein paar Argumente, die du ansprichst.
      Liebe Grüße
      Anna

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